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23. April 2007

Skeptisch waren anfangs nur die (Ehe-)Männer

TSG-Turngruppe „Er & Sie“ trainiert seit 40 Jahren unter der Leitung von Lore Wissemann

„Das Misstrauen der Männer war anfänglich schon sehr groß“ blickt Lore Wissemann schmunzelnd zurück. Denn zu dieser Zeit hatte sich nach ihrer Erinnerung das so genannte starke Geschlecht gar nicht so recht vorstellen können, was man auf sportlicher Ebene schon gemeinsam mit einer Frau trainieren könnte. Doch die turnbegeisterte Lore Wissemann stellte sich der Herausforderung und dem Aufruf des Deutschen Turnerbundes, das „Er & Sie-Turnen“ voranzutreiben. Am 25. April 1967 war es dann soweit: Gemeinsam mit ihrem Ehemann Kurt und drei weiteren Paaren traf man sich zur 1. Übungsstunde in der Turnhalle der Grundschule Lollar. Eine neue Abteilung der Turn- und Sportgemeinde (TSG) 1883 Lollar war geboren.  

Fast an gleicher Stelle – in der mittlerweile neu erbauten Drei-Felder-Sporthalle an der Schure – fand dann Ende April eine „Jubiläumsturnstunde“ statt. Erstaunlich und vorbildlich: Die Gruppe von 1967 wird nach wie vor und mit der gleichen Begeisterung wie zu Gründungszeiten von Lore Wissemann geleitet wird. Bei ihren Erinnerungen an die Startphase und an die Aussage eines Teilnehmers der ersten Stunde freut sich die lizenzierte Übungsleiterin. „Ein paar Tage nach dem Training traf ich ihn und er sagte mir, dass er nur seiner Frau zuliebe in die Turnstunde gekommen ist. Er berichtete außerdem, dass er gar nicht wusste, wo man überall Muskelkater bekommen kann. Die Arbeit der Übungsleiterin war somit akzeptiert!“
Rasch sprach sich in der Lahn- und Lumdastadt herum, dass Ehepaare bei der TSG nun gemeinsam turnen und Gymnastik betreiben. Und nach einiger Zeit waren es bereits 20 Paare, die regelmäßig zu den Übungsstunden kamen, die damals auch von Wilma und Walter Deußig mit geleitet wurden.

Da die Paare regelmäßig miteinander trainierten, wurden Auftritte und verschiedene Freizeitaktivitäten geplant. Choreographien beim traditionellen Wintervergnügen der TSG oder bei Familienabenden des Turngaues Mittelhessen erhielten stets viel Applaus. Dank der  engen Zusammengehörigkeit entstanden private Freundschaften die dazu führten, dass viele Ausflüge und Reisen geplant und unternommen wurden. Gerne erinnert sich Lore Wissemann an die erste, 14-tägige Flugreise der Gruppe im Jahr 1972 in ein Sporthotel nach Bulgarien. „Zu dieser Zeit war das etwas ganz außergewöhnliches und unsere Kinder sprechen heute noch von diesem tollen Urlaub“, resümiert sie und bedauert zugleich, dass es die politischen Umstände damals nicht zugelassen hätten, Kontakte mit Sportlern oder anderen Gruppen aus diesem sozialistischen Staat zu knüpfen.

Lore Wissemann wäre aber nicht Lore Wissemann, wenn nicht die sportliche Komponente und die ausgeklügelten Inhalte der Turnstunde oberste Priorität eingenommen hätten. Haltungs- und Rückenschulung, Muskelkräftigung, Kreislauf- und Zirkeltraining sind nach wie vor die Kerninhalte der Trainingseinheiten, obgleich sie immer wieder und zeitgerecht von der Trainerin, die regelmäßig an Schulungen und Übungsleiterlehrgängen teilnimmt, angepasst wurden. Elemente der Qigong-Lehre, des Yoga und wohl dosiertes Stretching ergänzen heute ein optimal auf die Zielgruppe ausgerichtetes Training. „Ziel ist es heute natürlich nicht mehr, mit einem Muskelkater nach Hause zu kommen“ versichert Wissemann. Ein gutes Körpergefühl nach der Übungsstunde und eine allgemeine Fitness für den Alltag seien vielmehr entscheidend für die Teilnehmer. Großen Wert legt sie auch darauf, dass man nach wie vor intensiv die Geselligkeit pflegt. „So lassen wir es uns nicht nehmen, uns nach den Übungsstunden auf ein Gläschen Bier in unserem Stammlokal zu treffen“.

 
  Bilder oben und unten: Übungsstunde der „Er & Sie – Gruppe“ im April 1977 in der alten Lollarer Grundschulturnhalle
 
 
 

... und 2007: Immer dienstags kommt die Gruppe „Er & Sie“ der TSG zum Training zusammen und hat jedes Mal viel Spaß

Die mittlerweile 43 Personen zählende Gruppe trägt heute offiziell die Bezeichnung  „Gesundheitssport 50 plus für Männer und Frauen“. Doch in Lollar verlor der alte Namen nie an Bedeutung. „Grund für diese Umbenennung ist lediglich, dass wir auch offen für Alleinstehende geworden sind“ erläutert die Übungsleiterin. Unterstützung findet man indes auch bei vielen Krankenkassen, die die Teilnahme finanziell und mit Einträgen in ihren Bonusheften unterstützen. Offen ist das Team, das sich derzeit aus Aktiven im Alter von 50 bis 75 Jahren zusammensetzt, aber auch für jüngere Paare. „Jederzeit kann man auf ein Probetraining zu uns kommen“ versichert Lore Wissemann und freut sich auf neue Aktive.
Um sich von dieser „strapaziösen Jubiläumszeit“ richtig zu erholen, unternimmt die agile Gruppe dann Ende Juni eine Reise nach Südengland. Darauf freut sich Lore Wissemann schon besonders und sagt abschließend schmunzelnd und mit viel Zuversicht: „Reisen durch Deutschland ja können wir ja auch dann noch machen, wenn wir alt geworden sind“!